Geschichten aus Fukushima

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„CrĂȘperie Bretonne“ steht ĂŒber dem Schaufenster der kleinen GaststĂ€tte in Sasazuka, einem ruhigen Tokioter Villenviertel. Seit fĂŒnf Jahren wird sie von dem Bretonen David und seiner japanischen Frau Eiko betrieben. Doch jetzt wollen die beiden Japan verlassen, obwohl das GeschĂ€ft nach schwierigen Anfangsjahren gerade erst zu florieren beginnt. Ausschlaggebend fĂŒr ihren Entschluss war vor allem die Sorge um die Zukunft ihrer vierjĂ€hrigen Tochter Yuna. Dabei fĂŒhlen sie sich in Tokio selbst relativ sicher, denn hier sind – im Gegensatz zu Fukushima – die meisten Stadtviertel nicht verseucht. Was sie verunsichert, ist die Art, wie die Regierung insgesamt mit der Situation umgeht. Die RĂŒckverfolgbarkeit der Lebensmittel ist kaum gewĂ€hrleistet. Die AbfĂ€lle der Reaktorzentrale und der Dekontaminationsarbeiten sollen „gerecht“ auf ganz Japan, einschließlich der Bucht von Tokio, verteilt werden. Das Land scheint nicht verstanden zu haben, dass die rund fĂŒnfzig anderen Reaktoren ebenfalls potenzielle Gefahrenquellen sind. Bereits 2007 hatte eine Havarie Japan in Angst und Schrecken versetzt: Damals waren nach einem Erdbeben große Mengen radioaktiver FlĂŒssigkeit aus der Reaktorzentrale von Kashiwazaki-Kariwa ins Meer ausgetreten. Wie Eiko erlĂ€utert, spielt in der japanischen Kultur das „politisch Korrekte“ eine große Rolle. So wird man leicht zum VerrĂ€ter oder Rebellen abgestempelt, wenn man Ansichten vertritt, die der herrschenden Meinung zuwiderlaufen. Doch vielleicht werden sich die Japaner nach Fukushima stĂ€rker bewusst, dass jeder Einzelne die Geschichte mitgestaltet, indem er versucht, sein eigenes VerhĂ€ltnis zur Welt zu finden. Das gilt fĂŒr uns natĂŒrlich genauso.


Sonoka und ihre Freundin Rika, beide 14 Jahre alt, wohnen in Date, 55 km vom Kraftwerk entfernt. WĂ€hrend des UnglĂŒcks sagte man ihnen, sie sollten eine Maske tragen, ohne dass ihnen irgendjemand erklĂ€rt hĂ€tte, warum. Seitdem ist die radioaktive Strahlung fĂŒr Rika so etwas wie eine merkwĂŒrdige Bazille. Sonoka will ihre Gegend nicht verlassen, die sie zu Recht wunderschön findet. Sie ist wĂŒtend auf diejenigen, die die Regierung kritisieren, da diese ihrer Ansicht nach ihr Bestes in dieser schwierigen Situation gibt. Das hindert sie aber nicht daran, uns ihre Angst mitzuteilen: Sie fĂŒrchtet, diskriminiert zu werden und keinen Mann zu finden, weil sie aus dem Regierungsbezirk Fukushima kommt. Beide MĂ€dchen messen bis zu 3 Mikrosievert gegenĂŒber von Sonokas Haus, das bedeutet 26 Millisievert pro Jahr. Die Obergrenze fĂŒr die Arbeiter des Atomkraftwerks betrĂ€gt 20 Millisievert/Jahr. Eine internationale Studie, an der teilzunehmen Frankreich sich geweigert hat, hat gezeigt, dass ein Arbeiter durchschnittlich 4 Millisievert/Jahr aufnimmt und dass die Krebssteigerungsrate bei diesen Menschen 10 % betrĂ€gt. Wie viel Krebserkrankungen wird es in Date geben? Und wenn ich Sonoka in zehn Jahren wiedersehen möchte? Wie wird es ihr gehen ?


Der Amerikaner David ist mit der Japanerin Royko verheiratet und hat mir ihr zwei Kinder: Jonathan (6) und Joshua (4). David hat die kleine Wohnung in ein technisch hochgerĂŒstetes Analyse-Labor verwandelt. Ich kann meinen Augen nicht trauen, was ich da sehe: einen Szintillator, einen GeigerzĂ€hler und diverse andere MessgerĂ€te. In der WaschkĂŒche fĂ€rben sich Pakete von Pilzen schwarz, bis ihr CĂ€sium-Höchstwert 137 angezeigt wird. Auf einem Elektrischen Klavier steht ein Dosimeter. Und ich kann meinen Ohren nicht trauen, als mir Jonathan erzĂ€hlt, was sein Vater da alles aufgestellt hat. David und Royko klĂ€ren ihre Sprösslinge ĂŒber RadioaktivitĂ€t und die damit verbundenen Gefahren auf. Sie sagen ihnen auch, warum die Familie bald nach Missouri ĂŒbersiedelt. David zeigt mir die von Jonathan gedrehten Videos. Im Mai hat die Familie – sehr zum Befremden der Nachbarn – ihre Straße entseucht, die BĂŒrste in der Hand und die Gasmaske vor dem Gesicht. Anhand der ziemlich wackligen Bilder kommentiert der junge Kameramann die Aktion. Bald wird er seine Freunde, seine Schule, seinen Lieblingspark und den Blick auf den Fudschijama, den er so großartig findet, filmen – als Erinnerung an sein Geburtsland, das er wegen der radioaktiven Strahlung eines Tages verlassen musste.


Die Citizen’s Radioactivity Mesuring Station (CRMS) ist ein unabhĂ€ngiges Labor. Wir befinden uns in Fukushima City, 65 km vom Atomkraftwerk entfernt. Als Wataru und Aya das Labor eröffnet haben, hatten die Behörden noch nicht den „Body counter“ eingefĂŒhrt, der die innere Kontamination der Anwohner misst. Die Wissenschaftler hielten das fĂŒr entbehrlich. Wataru ist Musiker, Aya Hausfrau und Mutter. Es sind diese einfachen BĂŒrger, die das Spektometer bedienen und die Fragen der Leute beantworten. Verkehrte Welt. Maki ist mit ihrer Tochter Kano ins Labor gekommen. Das Kind trĂ€gt einen Dosimeter um den Hals. Da die Regierung nichts gegen die unweigerlich eintretenden Krankheiten tun kann, hat sie ĂŒber 1 Mrd. Euro in die Dosimeter und deren Verwaltung investiert. Anstatt zu heilen, erstellt man Statistiken – das ist ein wenig so, als wĂŒrde man einem Schwerverletzten, anstatt eine Bluttransfusion zu machen, versichern, dass er Blutgruppe AB negativ hat. Maki macht sich Sorgen um ihre Tochter. Seit einem Jahr kann sie nicht mehr im Freien spielen. Wie lange wird das noch so gehen ?


Welch eine Ironie! Fukushima bedeutet „Insel des GlĂŒcks“. TatsĂ€chlich war das eine Gegend mit fruchtbarem Boden und reicher Kultur. Aber so will es das Schicksal: Die Atomkatastrophen ereignen sich immer in den schönsten Gegenden der Welt. Sellafield 1957 geschah in Cumbria, einer der schönsten Gegenden Englands. Three Mile Island 1979 in einer der schönsten Gegenden Pennsylvaniens. Tschernobyl mit seinen SĂŒmpfen liegt mitten in der Wiege der ukrainischen Geschichte. Und ich zitiere hier nicht die unzĂ€hligen AtomunfĂ€lle zu UdSSR-Zeiten in Kasachstan und Sibirien, das heißt in bis dahin herrlichen, „reinen“ Gegenden. Gleich nach der Atomkatastrophe haben Nakate-san und Sato das Netzwerk Kodom Fukushima Network for Saving Children from Radiation gegrĂŒndet. Sie bringen Familien aus Fukushima zusammen, und es wird diskutiert, man informiert sich gegenseitig und sorgt dafĂŒr, dass die sorglose Mehrheit ĂŒber die Gefahren der Kontaminierung durch Lebensmittel aufgeklĂ€rt wird. Als ich Nakate in Fukushima begegnete, haben wir uns schnell angefreundet. Wie ich glaubt auch er, dass es Alternativen zu dieser korrumpierten und verrotteten Demokratie und zu diesem kaputten Kapitalismus gibt. Er glaubt, die Katastrophe von Fukushima ist die letzte Chance fĂŒr Japan, seine Lebens- und Denkweise zu Ă€ndern. Vielleicht ist die Katastrophe genau dafĂŒr da: die Leute wachzurĂŒtteln.


Herr und Frau Kowata haben zwei Kinder: Kento (12) und Yuka (10). Sie wohnen in Minamisoma. Als Reaktor Nr. 1 explodierte, rĂ€umten sie den Ort, kamen aber am nĂ€chsten Tag wieder, um ihre Sachen zu holen. Da explodierte Reaktor Nr. 3. Die beim Tsunami zu Hilfe geeilten Polizisten verließen jetzt die Stadt. Die verĂ€ngstigte Bevölkerung war sich selbst ĂŒberlassen. Die Familie floh nach Fukushima City, dann nach Tokio, Kawasaki und schließlich nach Yamagata. Ein richtiger Hindernislauf! Die Kinder waren so traumatisiert, dass die Kleine noch heute schwere PanikanfĂ€lle bekommt und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Ein Jahr nach dem Reaktorunfall leben die Kowatas getrennt. Der Vater wohnt nach wie vor in Minamisoma, wo er arbeitet, auf das Haus aufpasst und das Grab der Ă€ltesten, bei einem Verkehrsunfall verstorbenen Tochter pflegt. Die Mutter ist mit den Kindern nach Yamagata gezogen. Das Atom spaltet nicht nur die Zellen, sondern zerreißt auch die Familien, zerstört das Vertrauen ins Leben, vernichtet Landwirtschaft und Kultur. So weiß man heute noch nicht, ob das Samurai-Festival NOMAOI, das jahrhundertelang in Minamisoma veranstaltet wurde, im nĂ€chsten Jahr wieder stattfinden kann. Die Stadt hat ein ungewisses Schicksal. Sie ist nicht verseucht genug, um die Evakuierung der Bevölkerung auf Staatskosten verlangen zu können. Doch sie liegt in unmittelbarer NĂ€he zur Reaktorzentrale, und das Abklingbecken von Reaktor Nr. 4 könnte einstĂŒrzen. Dabei heil davonzukommen ist ziemlich unwahrscheinlich, denn dann wĂ€ren nicht nur die PrĂ€fektur Fukushima, sondern ganz Japan und die ganze nördliche Halbkugel betroffen. Ein halbes Kilo Plutonium reicht, um die Bevölkerung Europas, Amerikas und Asiens zu vergiften. Im Abklingbecken von Fukushima befinden sich Hunderte von Kilos. In Den Haag ist ĂŒbrigens von Tonnen von Plutonium die Rede.


Kamijo hat sich vor 15 Jahren in Minamisoma (in 20 km Entfernung vom Kraftwerk) niedergelassen. Im Gebirge hat er ein Heim fĂŒr behinderte Kinder eingerichtet. Er selbst ist Förster und kĂŒmmerte sich um den Wald. Das Erdbeben und die Atomkatastrophe haben sein Lebenswerk zerstört. Seine Familie ist in den Norden des Landes gezogen. Taiki, sein Ă€ltester Sohn, wollte in seinem alten Gymnasium und bei seinen Freunden bleiben. Er lebt jetzt in der Stadt bei Kamijos Schwester. Der kĂ€mpferische Geist dieses Mannes, der mit den BĂ€umen spricht, bevor er sie fĂ€llt, hat mich sofort fasziniert. Als ich ihm zuhörte, verstand ich plötzlich, inwiefern die Japaner die Cousins der Indianer sind, die ich vor ein paar Jahren filmen konnte. Dasselbe Blut, dasselbe VerhĂ€ltnis zur Natur. Die Shinto-Religion, die frĂŒher in Japan sehr prĂ€sent war, pflegt die Beziehung zwischen Mensch und Natur. In jedem Ding wohnt ein Geist, und es ist heilig. Aber allmĂ€hlich haben sich die Japaner von dieser Tradition entfernt. Doch Fukushima zwingt die Japaner, sich wieder der Erde, der Luft und dem Wasser zuzuwenden. Die Geister heißen heute allerdings anders: ZĂ€sium, Strontium, Plutonium. Wenn Kamijo einen Baum fĂ€llt, ist ihm bewusst, dass dieses Wesen uns mit den Ahnen und der Vergangenheit verbindet. Wenn TEPCO den Gebirgswald zwecks Dekontamination rodet, wird nicht nur Holz gefĂ€llt.


Rie ist meine Dolmetscherin. Sie wohnt in Bali. Wie die meisten im Ausland lebenden Japaner hat sie SchuldgefĂŒhle, weil sie nichts fĂŒr ihr Land tun kann. In Japan kommt man nur schwer an Informationen ĂŒber Fukushima heran. Die Medien umgehen das Thema. Ein Beispiel: Anfang November sollte ich nach Minamisoma fahren, das 20 Kilometer von der Reaktorzentrale entfernt liegt. Von Freunden, die bei Greenpeace arbeiten, erfuhr ich, dass es wieder kritisch um Reaktor Nr. 2 steht. In den Nachrichten wurde nur eine Viertelstunde darĂŒber berichtet, dafĂŒr aber mindestens fĂŒnf Minuten ĂŒber eine Frau, die an die vom Tsunami heimgesuchten Orte zurĂŒckkehrt, wo sie Gedichte rezitiert.Rie erhĂ€lt die Nachricht aus Bali. Sie fragt sich, warum die Japaner ihre Missbilligung nicht klarer zum Ausdruck bringen, wenn die Regierung ein Abkommen ĂŒber den Export eines Atomkraftwerks mit Vietnam schließt. Sie versteht nicht, warum man die Kinder der PrĂ€fektur Fukushima nicht evakuiert.Über all diese Themen diskutieren wir die ganze Reise lang. Da wir nicht nur bloße Beobachter der Katastrophe sein wollen, versuchen wir verzweifelt, ihr einen Sinn zu geben.